Ich vs. Wir – Der Kampf des Individuums in Die Spur der Vertrauten von Christelle Dabos


Written by Ginny
Ich vs. Wir – Der Kampf des Individuums in Die Spur der Vertrauten von Christelle Dabos


Written by Ginny
Mit Die Spur der Vertrauten beweist Christelle Dabos, dass Dystopien nicht laut, blutig und voller Kämpfe sein müssen, um auf eindringliche Art und Weise zu zeigen, was uns als Menschen so besonders macht: unser freier Willen und der Mut, das System zu hinterfragen.
Worum geht's?
Willkommen in einer Welt, in der bloß das «Wir» zählt. In dem das Allgemeinwohl die oberste Priorität ist und jeder Mensch einen Instinkt besitzt, der nur dem «Wir» dient. Individualismus gibt es nicht und das Schicksal jedes einzelnen in der Gesellschaft ist quasi vorherbestimmt.
Goliaths Instinkt ist der eines Schützers. Sein ganzes Leben hat der 18-jährige dem Retten von anderen verschrieben. Ihm fehlt nur noch ein gerettetes Menschenleben, um den Status eines «Tugendhaften» zu erreichen. Doch dazu bleiben ihm vor seinem Abschluss an der Akademie nur noch wenige Tage. Claire steht hingegen vor ihrem Schulabschluss als Vertraute. Ihre Aufgabe ist es, zuzuhören statt zu handeln. Als plötzlich aber ein Schüler verschwindet und sich niemand außer Claire dafür zu interessieren scheint, will sie nicht länger nur im Hintergrund bleiben. Sie tut sich mit Goliath zusammen, um herauszufinden, was passiert ist – und schon bald entdecken die beiden viel mehr als nur den Vermissten: Sie enthüllen Dokumente, die das ganze System der Gesellschaft zum Einstürzen bringen könnten…
Hinweis: Vielen Dank an den Verlag zur Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Das beeinflusst in keinster Weise meine Meinung oder Gefühle zum Gelesenen. Alles, was ich schreibe, entspricht meinem persönlichen Empfinden.
Der Weltenbau in Die Spur der Vertrauten
Ich gebe zu, ich hatte so meine Startschwierigkeiten in die Geschichte und die Welt hineinzufinden. Es wirkte zunächst alles sehr komplex: Wir haben hier eine Gesellschaft, die sich als großes Ganzes versteht, ein «Wir», in der der einzige Zweck des Individuums ist, zum Allgemeinwohl beizutragen. Und je mehr Menschenleben der oder die Einzelne mittels seines oder ihres Instinkts gerettet hat, desto höher ist der soziale Status. Das klingt an sich zunächst einmal sehr philanthropisch, allerdings wird die Bevölkerung auch streng überwacht. Einen freien Willen haben die Menschen eigentlich nicht, denn ihr Schicksal ist bestimmt von ihrem Instinkt, der sich in der Kindheit manifestiert. Sie folgen entsprechend einem festgelegten Weg. Die Welt, die hier von der Autorin erschaffen wird, ist gut durchdacht und die Atmosphäre sehr dicht. Nach und nach erfährt man als Lesende, wie es wäre, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Kurze Kapitel aus Perspektiven von Nebencharakteren verdeutlichen, welche Aufgaben die Menschen erfüllen und wie sie das «Wir» empfinden. Erst nach Beenden des Buchs ist mir klar geworden, warum mir der Einstieg so schwer fiel – es hat mit der Erzählweise zu tun und ist vermutlich ein cleveres Stilmittel der Autorin.
Welcome to the machine – Erzählstruktur in Die Spur der Vetrauten
Ich dachte, meine anfänglichen Probleme in die Geschichte hineinzufinden, lägen an dem Weltenbau. Mir ist erst im Nachgang aufgefallen, dass wohl eher die Erzählstruktur, genauer gesagt die Erzählweise, Grund dafür sind. Und eigentlich ist das total clever – oder ich überinterpretiere es einfach komplett 😅 Direkt zu Beginn des Buchs befindet sich eine Tabelle, die die Instinktiven Prinzipien und Stufen der Instinktiven Verwaltung erklären. Das wirkt zunächst mal etwas erschlagend. Danach sind wir als Lesende mitten in der Geschichte. Die Welt wird nicht durch Infodumping erklärt, sondern durch die Augen und Gedanken verschiedenster (Neben-)Charaktere. Vieles ist Bewusstseinsstrom, was an einigen Stellen abgehackt, fast mechanisch rüberkommt. Aber genau das zeigt, wie die Menschen in der Gesellschaft denken: Sie funktionieren wie Maschinen, die Tag für Tag ihre Arbeit verrichten. Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert: Der erste Teil umfasst 279 Seiten, der zweite 356. Und während sich das Erzähltempo im ersten Teil noch sehr gemächlich anfühlt und die Handlung fast ein wenig vor sich hin plätschert, wird das Tempo nach und nach angezogen, bis es sich zum Ende des Buches fast überschlägt. Deshalb erscheint das Finale der Geschichte auch beinahe ein wenig überraschend zu kommen. Diese Veränderung des Erzähltempos in Kombination mit kurzen Zwischenkapiteln von Nebencharakteren, die sehr staccatohaft durch den Bewusstseinsstrom wirken, verleihen der ganzen Geschichte eine stetig wachsende bedrohliche Stimmung. Als Lesende bekommt man richtige Beklemmungszustände, was fantastisch die Beengtheit der Gesellschaft und die Unmöglichkeit zur freien Entfaltung der einzelnen Menschen widerspiegelt. Für mich ein sehr aufregendes Leseerlebnis.
Fazit: Außergewöhnliche Dystopie für Mutige
Lesende müssen sich vielleicht eine Portion Mut von Protagonistin Claire abschneiden, um sich auf dieses Abenteuer einzulassen, denn ich glaube: Die Erzählweise wird nicht alle Lesegeschmäcker treffen. Für mich überzeugt die Geschichte aber definitiv mit seiner Grundidee und den vielen philosophischen Grundsatzfragen rund ums Thema freier Wille und Philanthropie, sowie mit der besonderen Art der Konstruktion, durch die verschiedenen Perspektiven und Einblicke in die Gesellschaft.
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